Notizen zur Geschichte Capoeira Angolas
Woher kommt Capoeira Angola? Wer das Wesen der Capoeira Angola erfassen will, wird nicht umhinkommen, diese Frage zu stellen. Stellen wir sie also die Frage nach dem Ursprung, nach dem Ort und den Menschen, bei denen alles seinen Anfang nahm. Die Literatur, die bisher über Capoeira, vor allem auf portugiesisch, veröffentlicht wurde, geht verschiedentlich auf diese Frage ein. Bevor wir jedoch auf diese Literatur zurückgreifen, wenden wir uns direkt an die Kunst der Capoeira, in der Hoffnung, einen Teil unserer Frage beantwortet zu bekommen. Sich direkt an die Capoeira wenden, kann heißen: die Mestres (Meister) und die Capoeristas zu befragen. Was auch geschehen soll. Es kann aber auch heißen, unsere Fragen an einen anderen wichtigen Bestandteil der Capoeira zu richten: an die Musik, genauer an die Lieder der Capoeira. Das hat den Vorteil, in ihnen die ältesten Zeugen zum Bestehen der Capoeira zu haben. Das Wissen der alten, bereits verstorbenen, Mestres lebt in den Liedern der Capoeira weiter. Und so werden wir zunächst in den Liedern die Antworten auf unsere Frage suchen. Wo also liegt der Ursprung der Capoeira? Capoeira ist brasilianische Kultur. Ihre Lieder sind kaum aufgeschrieben und werden in portugiesisch gesungen. In einer Ladainha antwortet ein Capoeirista auf die Fragen nach seinem Lehrer: "Meu mestre foi Salomao..." Und nachdem er von dessen Capoeirakünsten berichtet hat, heißt es gegen Ende des Liedes:
Eu nasci foi na Bahia
Na Bahia eu me criei
Vou lutar por essa Terra
Nessa Terra eu morrerei
(Quelle: Academia Jangada)
Dort also, wo jener Capoeirista geboren ist, ist er aufgewachsen. In jenem Land, für das er zu kämpfen bereit ist, und wo er sterben möchte, muß er sie wohl gelernt haben, die Kunst der Capoeira. Capoeira also, dem Lied zufolge, eine Kunst aus dem Nordosten Brasiliens, aus Bahia? Eine andere Ladainha scheint dies in ihren ersten Zeilen zu bestätigen, wenn sie Bahia, seine Hauptstadt Salvador und die Capoeira besingt:
Bahia, nossa Bahia
Capital é Salvador
Quem nao
conhece a Capoeira
Nao sabe dar o seu valor...
(Quelle: Academia Jangada)
Dann aber scheint diese Ladainha ein für allemal die Frage nach der Herkunft der Capoeira zu klären,so es in weiteren Zeilen heißt:
Capoeira veio da Africa
Africano que nos trouxe
(Quelle:
Academia Jangada)
Afrikaner brachten die Capoeira nach Brasilien, aus Afrika kommt also die Capoeira. Klar ist, daß diese Afrikaner Sklaven waren, was eben auch aus vielen anderen Liedern immer wieder deutlich hervorgeht. In einem Lied ist z.B. die Rede von einem unbekannten Schwarzen, der ein Sklave sein könnte. In einem anderen Lied wird vom negro einer Herrin gesungen, der schwerverdientes Geld gekostet hat, und der es war, der die Mandinga lehrte. Soweit wissen wir also aus den Liedern, daß Capoeira eine Kunst der afrikanischen Sklaven ist. Ein weiteres Lied läßt vermuten, daß Capoeira falls sie nicht aus Angola kommt, dort existierte, so doch auf jeden Fall von den angolanischen Sklaven praktiziert wurde, denn in diesem Lied ist nicht die Rede von Capoeira an sich, sondern von "Capoeira Angola". In folgendem Lied trauert eine Frau ihrem Mann nach, der an den Hafen gegangen war, "Capoeira Angola" zu "spielen":
Maria estava chorando ...Auf jene Zeilen wird später noch einzugehen sein, da sie einiges, über das Wesen der Capoeira, das Leben der Capoeiristas und die Rolle der Capoeira in der Gesellschaft verraten. Hier soll ersteinmal festgehalten werden, daß der Capoeira nicht nur afrikanische, sondern angolanische Wurzeln zugesprochen werden. Die Herkunft der Capoeira betreffend ist jedoch die Datierung des Liedes von besonderer Bedeutung. Denn entweder handelt es sich hier um ein Lied aus der Gründungszeit der Capoeira Regional bzw. aus der Zeit danach. Dann dürfte dieses Lied die Abgrenzung der Capoeira Angola von der Capoeira Regional beabsichtigen. In diesem Fall jedoch kann es zur Klärung der Herkunft der Capoeira nur bedingt herhalten. Ist das obige Lied jedoch aus der Zeit vor der Capoeira Regional, dann darf es als Zeuge für die Herkunft der Capoeira gesehen werden, denn in diesem Fall verweist es ja eben auf die angolanische Herkunft der Capoeira und nicht nur auf die Abgrenzung der Capoeira Angola von der Capoeira Regional. Ein weiteres Lied ist in genau diesem Sinne zu betrachten:
Eu sô angolêro
Angolêro sim sinhô ...
Eu sô
angolêro Angolêro de valô
(Quelle: Rego, S.94)
Damit können wir schon zusammenfassen, daß die Lieder der Capoeira andeuten, sie sei die Kunst afrikanischer Sklaven aus Angola, die im Nordosten Brasiliens in Bahia lebten und eben dort die Capoeira praktizierten und lehrten. Ob Capoeira jedoch existierte bevor Afrikaner zu Sklaven gemacht wurden, ist vorerst aus den Liedern, soweit sie uns bekannt sind, nicht zu klären. Brachten die versklavten Afrikaner die Capoeira nach Brasilien, oder entwickelten sie diese Kunst, vielleicht aus einer anderen Kampfkunst, erst in Brasilien? Mit diesen Erkenntnissen und den Fragen, die sich aus der näheren Betrachtung der Capoeira-Lieder ergeben, befinden wir uns jedenfalls in Übereinstimmung mit Erkenntnissen aus der wissenschaftlichen Literatur über Capoeira. So lieferte vor bereits über 30 Jahren Waldeloir Rego mit seinem Werk "Capoeira Angola" eine beeindruckende wissenschaftliche Darstellung der Capoeira Angola.
Die Begriffe CAPOEIRA und CAPOEIRA ANGOLA:
Schon oft wurde uns die Frage gestellt, wo es denn eigentlich herkäme dieses
Wort: Capoeira. Und heißt es denn jetzt Capoeira oder Capoeira Angola? Bereits
1968 geht Waldeloir Rego diesen Fragen nach. Seit Regos Buch wurde diese Frage
verschiedentlich zu beantworten versucht. In den darauf folgenden Werken zu
Capoeira hält diese Diskussion um die Herkunft des Wortes "Capoeira" an. Uns
soll jedoch, abgesehen von der Herkunft des Wortes Capoeira, vor allem das erste
Aufkommen der Formulierung Capoeira Angola beschäftigen. Schon Rego kam zu dem
Ergebnis, daß auf jeden Fall von der Capoeira Angola die Rede ist, seitdem diese
versucht, sich von der von Mestre Bimba gegründeten Capoeira Regional deutlich
abzugrenzen. Seit wann ist die Rede von Capoeira Angola und nicht nur von Capoeira?
Hängt das Aufkommen der Formulierung Capoeira Angola mit dem Entstehen der Capoeira
Regional zusammen oder ist schon vorher die Rede von der Capoeira Angola? Ist
das weiter oben zitierte Lied, welches von der Capoeira Angola erzählt, ein
Zeuge für das Bestehen der Capoeira Angola vor der Zeit einer Capoeira Regional?
Auf den Internetseiten der International Capoeira Angola Foundation wird der
Ursprung des Wortes Capoeira sowohl im brasilianischen Portugiesisch als auch
in der angolanischen Sprache gesehen. Demnach ist im Portugiesischen Capoeira
ein Hühnerstall. Im Kikoongo, einer angolanischen Sprache, kann die Verbindung
zu den Bedeutungen flattern, kämpfen und prügeln hergestellt werden, die sich
auf die Bewegungen eines Hahnes beziehen. (Quelle: International Capoeira Angola
Foundation, Webadresse: )
Von Vadios und Capoeiras -
Capoeira im 19. Jahrhundert:
In den Werken zweier Maler des 19. Jahrhunderts finden wir Darstellungen der
Capoeira. Sowohl in einem Gemälde von Jean Baptiste Debret (1768 - 1848) als
in einem Bild von Johann Moritz Rugendas (19.Jh.) werden Schwarze bei der Ausübung
der Capoeira gezeigt. Wo die von den beiden Malern festgehaltenen Szenen stattgefunden
haben, zu welchem Anlaß die Capoeiraspiele bzw. Kämpfe ausgeführt wurden, wie
es kommt, daß europäische Maler die Gelegenheit fanden, Capoeirakämpfen beizuwohnen,
wo sie doch von den afrikanischen Sklaven nur im Verborgenen praktiziert wurden,
auf diese und andere Fragen können vorerst nur Vermutungen folgen.
In seinem Buch "O Rio de Janeiro no Tempo dos Vice-Reis" erzählt Luiz Edmundo
von einem Capoeirista im Rio de Janeiro des 19. Jahrhunderts. In der Rua dos
Ourives soll dieser große, sehr schlanke Mann gestanden haben, gehüllt in einen
riesigen Mantel, unter welchem seine stelzigen Beine herausragten. Sein dichtes,
lockiges Haar bedeckte ein spanischer Filzhut. "Er sprach und lachte laut, diskutierte
und stritt herum, und er roch nach Brandy. Er war der Capoeira, eine von allen
respektierte und gefürchtete Gestalt, selbst von der Polizei..." (Edmundo, S.33;
dt.Übers.v. Autor). Nach Edmundos Worten sei dieser Mann die Verkörperung des
leichtsinnigen Abenteuers gewesen, kühn und waghalsig und immer auf der Suche
nach einem Kampf. In einem solchen war er dann so gut wie unbesiegbar, da er
sich mit seinen Bewegungen gewissermaßen in einen Blitz verwandelte. Ein Messer
zwischen seinen Zähnen, das jedoch nie zur Anwendung kam, griff er seine Gegner
mit Kopfstößen an und brachte sie zu Fall, indem er sie mit Fußtritten zwischen
ihren Beinen bzw. Füßen attackierte. So besiegte er auch zwei oder drei Gegner
gleichzeitig. Bis die Polizei am Ort des Geschehens eingetroffen war, hatte
sich der Capoeira buchstäblich in Luft aufgelöst. Wenn er sich nicht
prügelte, so Edmundo, trieb er sich in den Hafenkneipen herum, wo er Wein und
Frauen fand. Auch wenn Edmundo die Capoeiristas eher als Kriminelle beschreibt,
billigt er ihnen doch ein don quixotisches Wesen zu, denn sie seien
immer bereit, Schwächere zu verteidigen. Zudem seien sie sehr religiös gewesen,
so daß sie vielleicht in der Eile auf dem Weg zu einem Kampf zwar ihr Messer
vergaßen, nie aber würden sie ihre Halskette mit dem Kreuz vergessen. So beschreibt
Luiz Edmundo den Capoeirista des 19. Jahrhunderts in Rio de Janeiro.
1890 stellte das brasilianische Strafgesetzbuch in dem Kapitel "Dos vadios e
capoeiras" die Ausübung von Capoeira unter eine Gefängnisstrafe von zwei bis
sechs Monaten. Übungen zur körperlichen Gewandtheit und Geschicklichkeit, die
auf den Straßen und öffentlichen Plätzen ausgeführt wurden und als capoeiragem
bekannt waren, standen damit unter Strafe. Wer einer Capoeiragruppe angehörte
oder gar als ihr Anführer fungierte, mußte mit weitaus höheren Strafen rechnen.
Glücklicherweise wird Capoeira Angola heutzutage von der Regierung und Bevölkerung
akzeptiert. Sie findet sogar innerhalb und außerhalb Brasiliens immer mehr begeisterte
Anhänger. Es bleibt zu hoffen, dass die Capoeiristas weltweit Capoeira Anogla
nie auf einen Sport reduzieren, sondern sich immer bewusst sind, dass Capoeira
gleichzeitig Geschichte, Kultur, Kampf und Tanz bedeutet. Oder, wie Mestre Pastinha,
eine der zentralen Personen der Geschichte der Capoeira Angola sagte: "Capoeira
é tudo o que a boca come" - "Capoeira ist alles, was der Mund isst".
Auswahlbibliographie über Capoeira: Capoeira
Angola:
MESTRE BOLA
SETE, A Capoeira Angola na Bahia, Salvador 1989
MESTRE PASTINHA, Capoeira
Angola, 3ed., Salvador (1964) 1988
WALDELOIR REGO, Capoeira Angola, Salvador
1968
weitere Literatur:
EDMUNDO, Luiz, No Tempo dos Vice-Reis, Revista do Instituo
Histórico Brasileiro,
Vol.163, Tomo 109, 1932, S. 49
Filmographie:
VADIACAO, Regie: Alexandre Robatto, Dauer: 8 min.,
Format: 16mm, Jahr: 1954