Capoeira Angola e.V.

Projects to Move Society

Capoeira Angola

Posted on 15 Jan 2014 0 comments

Mestre Rosalvo

Geboren in Salvador/Bahia, beginnt Rosalvo dos Santos im Alter von acht Jahren auf den Straßen und Hinterhöfen Salvadors Capoeira zu spielen. Er ist 15/16 Jahre alt, als er Cobra Mansa (Cobrinha), Schüler von Mestre Morais und heute Mestre für Capoeira Angola, kennenlernt. Er fragt Cobrinha, ob er und zwei weitere Freunde, Roberval und Laercio, bei ihm trainieren können. Cobrinha über diesen Moment: “Rosalvo fragte mich, ob sie mit mir trainieren könnten. Ich sagte zu. Den nächsten Morgen stand Rosalvo um sechs Uhr vor meinem Fenster, um zu trainieren. Ich sagte: Gott im Himmel, weißt Du, wie spät es ist, Junge. Komm später wieder – Eine Stunde später war er wieder da.” So trainieren die drei Jungs, Roberval, Rosalvo und Laercio mit Cobrinha und gründen schließlich unter dem Namen Filhos de Angola ihre eigene Capoeiragruppe, die sie in einem Raum im Forte St.Antonio trainieren . Im Museo Afrobrasileiro und in einer Theaterschule in Salvador unterrichtet Rosalvo Capoeira. Er ist 19 Jahre alt. Ein Jahr später unterrichtet er ebenfalls in der Alliance Française.

Die Filhos de Angola im Forte do St. Antonio 1988.

Der in Capoeirakreisen bekannte Capoeiramestre und Instrumentenbauer, Lua Rasta, erinnert sich bis heute an den damals 20-jährigen Rosalvo, der häufig zu ihm in sein Werkstattatelier in Salvador Pelorinho kam, um ihm in der Werkstatt zu helfen. In dem alten Kloster in Salvador, dem Forte St. Antonio, in dem sich auch die beiden berühmten Capoeiraschulen von Joao Pequeno und Morais befinden, trainiert jetzt Rosalvo täglich. Sein Leben wird ganz und gar von Capoeira bestimmt. Zu Hause, in der Favela bei seiner Mutter, ist er immer seltener, so dass er schließlich im Forte St. Antonio wohnt und schläft.

rosalvolachen
1989 kommt Rosalvo als erster Angolero nach Europa und beginnt Capoeira Angola zu unterrichten. Seine Beweggründe: zum einen, seine Kultur zu vermitteln, und zum anderen, sie auf diesem Wege aufrechtzuerhalten.Die Tradition fortführend, baut er unter dem Namen Filhos de Angola eine Gruppe auf. Rosalvo taucht als erster Angolero bei den Treffen der Capoeira Regional in Europa auf.

Am 1.Nov 1993 gründet er gemeinsam mit Susanne Oesterreicher den Capoeira Angola e.V. und organisiert das Erste Internationale Capoeira Angola Treffen in Europa. Dazu lädt er Mestres, Lehrer und Schüler aus Brasilien und New York ein. Die Teilnehmer kommen aus allen Teilen Europas. Dieses erste Treffen bildet die Initiative für jährliche Capoeira Angola Treffen. In ganz Europa folgen die Angoleiros dem Beispiel dieses ersten Treffens. Rosalvo unterrichtet 1994 auf dem Treffen in Zürich/Schweiz und 1995 in Arhus/Dänemark, wohin auch Mestre Joao Grande eingeladen wird. Rosalvo gibt regelmäßig Workshops in Frankreich, Israel, Schweden, England. Schließlich ermöglicht er den beiden Angoleros, Mestre Laercio und Mestre Roberval, nach Berlin zu kommen.

1996 wird er von seinem Lehrer, Mestre Cobra Mansa, zum 2. Internationalen Capoeira Angola Treffen (außerhalb Europas) in Washington eingeladen.

Für Rosalvo endet dieses Treffen mit einem unverhofften Höhepunkt: Mestre Cobra Mansa überreicht ihm für seine Arbeit in der Capoeira Angola das Diplom des Contramestres.

Am 19. July 1997 eröffnet er die erste europäische Akademie für Capoeira Angola – den Akademien in Brasilien nachempfunden, die Academia Jangada, Akademie für Capoeira Angola und afrobrasilianische Tanzkultur in Berlin Mitte. Ca. 150 Erwachsenen, Kinder und Jugendliche trainieren heute regelmäßig in der Academia Jangada. Viele unserer Schüler geben heute selbst Capoeira Angola Kurse in Kindergärten und Jugendeinrichtungen in ganz Europa.

1998 organisiert die Academia Jangada das 5. Internationale Capoeira Angola Treffen und das 1. Internationale Treffen für Afrobrasilanischen Tanz.

1999 gründet Contramestre Rosalvo die Gruppe Vadiaçao.

Die beiden Gründungsmitglieder Rosalvo Ferreira dos Santos und Susanne Oesterreicher leiteten in der Zeit von 1993 bis heute insgesamt 151 Workshops in ganz Europa, den USA, Brasilien und Israel. Sie organisierten 12 internationale Treffen, zu denen Jugendliche aus aller Welt eingeladen waren.

Im Jahr 2002 organisierten die beiden das ‘Capoeira Angola Youth Meeting’, im Rahmen des Aktionsprogramms ‘Jugendbegegnung’ von ‘Jugend für Europa’.

Dieses Treffen wurde maßgeblich von Jugendlichen der Partnerländer organisiert und durchgeführt. Zu diesem Anlass erstellten die Teilnehmer einen Newsletter, produzierten eine Musik-CD und filmten das wohl größte Capoeira Angola-Treffen in Europa. Während diesem Treffen wurde Rosalvo von den Großmeistern Joao Pequeno und Joao Grande zum Meister der Capoeira Angola ernannt.

Notizen zur Geschichte

Woher kommt Capoeira Angola? Wer das Wesen der Capoeira Angola erfassen will, wird nicht umhinkommen, diese Frage zu stellen. Stellen wir sie also die Frage nach dem Ursprung, nach dem Ort und den Menschen, bei denen alles seinen Anfang nahm. Die Literatur, die bisher über Capoeira, vor allem auf portugiesisch, veröffentlicht wurde, geht verschiedentlich auf diese Frage ein. Bevor wir jedoch auf diese Literatur zurückgreifen, wenden wir uns direkt an die Kunst der Capoeira, in der Hoffnung, einen Teil unserer Frage beantwortet zu bekommen. Sich direkt an die Capoeira wenden, kann heißen: die Mestres (Meister) und die Capoeristas zu befragen. Was auch geschehen soll. Es kann aber auch heißen, unsere Fragen an einen anderen wichtigen Bestandteil der Capoeira zu richten: an die Musik, genauer an die Lieder der Capoeira. Das hat den Vorteil, in ihnen die ältesten Zeugen zum Bestehen der Capoeira zu haben. Das Wissen der alten, bereits verstorbenen, Mestres lebt in den Liedern der Capoeira weiter. Und so werden wir zunächst in den Liedern die Antworten auf unsere Frage suchen. Wo also liegt der Ursprung der Capoeira? Capoeira ist brasilianische Kultur. Ihre Lieder sind kaum aufgeschrieben und werden in portugiesisch gesungen. In einer Ladainha antwortet ein Capoeirista auf die Fragen nach seinem Lehrer: “Meu mestre foi Salomao…” Und nachdem er von dessen Capoeirakünsten berichtet hat, heißt es gegen Ende des Liedes:

Eu nasci foi na Bahia

Na Bahia eu me criei

Vou lutar por essa Terra

Nessa Terra eu morrerei

(Quelle: Academia Jangada)

Dort also, wo jener Capoeirista geboren ist, ist er aufgewachsen. In jenem Land, für das er zu kämpfen bereit ist, und wo er sterben möchte, muß er sie wohl gelernt haben, die Kunst der Capoeira. Capoeira also, dem Lied zufolge, eine Kunst aus dem Nordosten Brasiliens, aus Bahia? Eine andere Ladainha scheint dies in ihren ersten Zeilen zu bestätigen, wenn sie Bahia, seine Hauptstadt Salvador und die Capoeira besingt:

Bahia, nossa Bahia

Capital é Salvador

Quem nao conhece a Capoeira

Nao sabe dar o seu valor…

(Quelle: Academia Jangada)

Dann aber scheint diese Ladainha ein für allemal die Frage nach der Herkunft der Capoeira zu klären,so es in weiteren Zeilen heißt:

Capoeira veio da Africa

Africano que nos trouxe

(Quelle: Academia Jangada)

Afrikaner brachten die Capoeira nach Brasilien, aus Afrika kommt also die Capoeira. Klar ist, daß diese Afrikaner Sklaven waren, was eben auch aus vielen anderen Liedern immer wieder deutlich hervorgeht. In einem Lied ist z.B. die Rede von einem unbekannten Schwarzen, der ein Sklave sein könnte. In einem anderen Lied wird vom negro einer Herrin gesungen, der schwerverdientes Geld gekostet hat, und der es war, der die Mandinga lehrte. Soweit wissen wir also aus den Liedern, daß Capoeira eine Kunst der afrikanischen Sklaven ist. Ein weiteres Lied läßt vermuten, daß Capoeira falls sie nicht aus Angola kommt, dort existierte, so doch auf jeden Fall von den angolanischen Sklaven praktiziert wurde, denn in diesem Lied ist nicht die Rede von Capoeira an sich, sondern von “Capoeira Angola”. In folgendem Lied trauert eine Frau ihrem Mann nach, der an den Hafen gegangen war, “Capoeira Angola” zu “spielen”:

Maria estava chorando …

Porquê seu amor foi se embora

Estava na beira do cais

A jogar capoeira angola

Chor: Chora Maria, chora

Porquê seu amor foi se embora, ya chora

(Quelle: Academia Jangada)

Auf jene Zeilen wird später noch einzugehen sein, da sie einiges, über das Wesen der Capoeira, das Leben der Capoeiristas und die Rolle der Capoeira in der Gesellschaft verraten. Hier soll ersteinmal festgehalten werden, daß der Capoeira nicht nur afrikanische, sondern angolanische Wurzeln zugesprochen werden. Die Herkunft der Capoeira betreffend ist jedoch die Datierung des Liedes von besonderer Bedeutung. Denn entweder handelt es sich hier um ein Lied aus der Gründungszeit der Capoeira Regional bzw. aus der Zeit danach. Dann dürfte dieses Lied die Abgrenzung der Capoeira Angola von der Capoeira Regional beabsichtigen. In diesem Fall jedoch kann es zur Klärung der Herkunft der Capoeira nur bedingt herhalten. Ist das obige Lied jedoch aus der Zeit vor der Capoeira Regional, dann darf es als Zeuge für die Herkunft der Capoeira gesehen werden, denn in diesem Fall verweist es ja eben auf die angolanische Herkunft der Capoeira und nicht nur auf die Abgrenzung der Capoeira Angola von der Capoeira Regional. Ein weiteres Lied ist in genau diesem Sinne zu betrachten:

Eu sô angolêro

Angolêro sim sinhô …

Eu sô angolêro Angolêro de valô

(Quelle: Rego, S.94)

Damit können wir schon zusammenfassen, daß die Lieder der Capoeira andeuten, sie sei die Kunst afrikanischer Sklaven aus Angola, die im Nordosten Brasiliens in Bahia lebten und eben dort die Capoeira praktizierten und lehrten. Ob Capoeira jedoch existierte bevor Afrikaner zu Sklaven gemacht wurden, ist vorerst aus den Liedern, soweit sie uns bekannt sind, nicht zu klären. Brachten die versklavten Afrikaner die Capoeira nach Brasilien, oder entwickelten sie diese Kunst, vielleicht aus einer anderen Kampfkunst, erst in Brasilien? Mit diesen Erkenntnissen und den Fragen, die sich aus der näheren Betrachtung der Capoeira-Lieder ergeben, befinden wir uns jedenfalls in Übereinstimmung mit Erkenntnissen aus der wissenschaftlichen Literatur über Capoeira. So lieferte vor bereits über 30 Jahren Waldeloir Rego mit seinem Werk “Capoeira Angola” eine beeindruckende wissenschaftliche Darstellung der Capoeira Angola.

Die Begriffe CAPOEIRA und CAPOEIRA ANGOLA:

Schon oft wurde uns die Frage gestellt, wo es denn eigentlich herkäme dieses Wort: Capoeira. Und heißt es denn jetzt Capoeira oder Capoeira Angola? Bereits 1968 geht Waldeloir Rego diesen Fragen nach. Seit Regos Buch wurde diese Frage verschiedentlich zu beantworten versucht. In den darauf folgenden Werken zu Capoeira hält diese Diskussion um die Herkunft des Wortes “Capoeira” an. Uns soll jedoch, abgesehen von der Herkunft des Wortes Capoeira, vor allem das erste Aufkommen der Formulierung Capoeira Angola beschäftigen. Schon Rego kam zu dem Ergebnis, daß auf jeden Fall von der Capoeira Angola die Rede ist, seitdem diese versucht, sich von der von Mestre Bimba gegründeten Capoeira Regional deutlich abzugrenzen. Seit wann ist die Rede von Capoeira Angola und nicht nur von Capoeira? Hängt das Aufkommen der Formulierung Capoeira Angola mit dem Entstehen der Capoeira Regional zusammen oder ist schon vorher die Rede von der Capoeira Angola? Ist das weiter oben zitierte Lied, welches von der Capoeira Angola erzählt, ein Zeuge für das Bestehen der Capoeira Angola vor der Zeit einer Capoeira Regional? Auf den Internetseiten der International Capoeira Angola Foundation wird der Ursprung des Wortes Capoeira sowohl im brasilianischen Portugiesisch als auch in der angolanischen Sprache gesehen. Demnach ist im Portugiesischen Capoeira ein Hühnerstall. Im Kikoongo, einer angolanischen Sprache, kann die Verbindung zu den Bedeutungen flattern, kämpfen und prügeln hergestellt werden, die sich auf die Bewegungen eines Hahnes beziehen. (Quelle: International Capoeira Angola Foundation, Webadresse: )

Von Vadios und Capoeiras – Capoeira im 19. Jahrhundert:

In den Werken zweier Maler des 19. Jahrhunderts finden wir Darstellungen der Capoeira. Sowohl in einem Gemälde von Jean Baptiste Debret (1768 – 1848) als in einem Bild von Johann Moritz Rugendas (19.Jh.) werden Schwarze bei der Ausübung der Capoeira gezeigt. Wo die von den beiden Malern festgehaltenen Szenen stattgefunden haben, zu welchem Anlaß die Capoeiraspiele bzw. Kämpfe ausgeführt wurden, wie es kommt, daß europäische Maler die Gelegenheit fanden, Capoeirakämpfen beizuwohnen, wo sie doch von den afrikanischen Sklaven nur im Verborgenen praktiziert wurden, auf diese und andere Fragen können vorerst nur Vermutungen folgen.

In seinem Buch “O Rio de Janeiro no Tempo dos Vice-Reis” erzählt Luiz Edmundo von einem Capoeirista im Rio de Janeiro des 19. Jahrhunderts. In der Rua dos Ourives soll dieser große, sehr schlanke Mann gestanden haben, gehüllt in einen riesigen Mantel, unter welchem seine stelzigen Beine herausragten. Sein dichtes, lockiges Haar bedeckte ein spanischer Filzhut. “Er sprach und lachte laut, diskutierte und stritt herum, und er roch nach Brandy. Er war der Capoeira, eine von allen respektierte und gefürchtete Gestalt, selbst von der Polizei…” (Edmundo, S.33; dt.Übers.v. Autor). Nach Edmundos Worten sei dieser Mann die Verkörperung des leichtsinnigen Abenteuers gewesen, kühn und waghalsig und immer auf der Suche nach einem Kampf. In einem solchen war er dann so gut wie unbesiegbar, da er sich mit seinen Bewegungen gewissermaßen in einen Blitz verwandelte. Ein Messer zwischen seinen Zähnen, das jedoch nie zur Anwendung kam, griff er seine Gegner mit Kopfstößen an und brachte sie zu Fall, indem er sie mit Fußtritten zwischen ihren Beinen bzw. Füßen attackierte. So besiegte er auch zwei oder drei Gegner gleichzeitig. Bis die Polizei am Ort des Geschehens eingetroffen war, hatte sich der Capoeira buchstäblich in Luft aufgelöst. Wenn er sich nicht prügelte, so Edmundo, trieb er sich in den Hafenkneipen herum, wo er Wein und Frauen fand. Auch wenn Edmundo die Capoeiristas eher als Kriminelle beschreibt, billigt er ihnen doch ein don quixotisches Wesen zu, denn sie seien immer bereit, Schwächere zu verteidigen. Zudem seien sie sehr religiös gewesen, so daß sie vielleicht in der Eile auf dem Weg zu einem Kampf zwar ihr Messer vergaßen, nie aber würden sie ihre Halskette mit dem Kreuz vergessen. So beschreibt Luiz Edmundo den Capoeirista des 19. Jahrhunderts in Rio de Janeiro.

1890 stellte das brasilianische Strafgesetzbuch in dem Kapitel “Dos vadios e capoeiras” die Ausübung von Capoeira unter eine Gefängnisstrafe von zwei bis sechs Monaten. Übungen zur körperlichen Gewandtheit und Geschicklichkeit, die auf den Straßen und öffentlichen Plätzen ausgeführt wurden und als capoeiragem bekannt waren, standen damit unter Strafe. Wer einer Capoeiragruppe angehörte oder gar als ihr Anführer fungierte, mußte mit weitaus höheren Strafen rechnen. Glücklicherweise wird Capoeira Angola heutzutage von der Regierung und Bevölkerung akzeptiert. Sie findet sogar innerhalb und außerhalb Brasiliens immer mehr begeisterte Anhänger. Es bleibt zu hoffen, dass die Capoeiristas weltweit Capoeira Anogla nie auf einen Sport reduzieren, sondern sich immer bewusst sind, dass Capoeira gleichzeitig Geschichte, Kultur, Kampf und Tanz bedeutet. Oder, wie Mestre Pastinha, eine der zentralen Personen der Geschichte der Capoeira Angola sagte: “Capoeira é tudo o que a boca come” – “Capoeira ist alles, was der Mund isst”.

Auswahlbibliographie über Capoeira Angola:

MESTRE PASTINHA, Capoeira Angola, 3ed., Salvador (1964) 1988

WALDELOIR REGO, Capoeira Angola, Salvador 1968

MESTRE BOLA SETE, A Capoeira Angola na Bahia, Salvador 1989

weitere Literatur:

EDMUNDO, Luiz, No Tempo dos Vice-Reis, Revista do Instituo Histórico Brasileiro,

Vol.163, Tomo 109, 1932, S. 49

Filmographie:

VADIACAO, Regie: Alexandre Robatto, Dauer: 8 min., Format: 16mm, Jahr: 1954

Bewegungen

Plantando Bananeira
Wenn der Capoeirista sich auf den Händen bewegt, mit den Beinen in der Luft, sagt man: està plantando bananeira. In dieser Position kann mit den Beinen von oben nach unten angegriffen werden, man kann sich in jede Richtung bewegen oder aber in normale Position zurückkehren. Das Au unterscheidet sich von plantar bananeira weil der Körper sich dreht, seitlich, mit sehr starkem Impuls, was dem Capoeirista erlaubt, Sprünge von mehreren Metern Entfernung auszuführen. Es ist dies eine gute Bewegung für den Capoeirista, vor allem, wenn er sich mehreren Angreifern gegenüber sieht. Mittels des Au kann sowohl verteidigt als auch angegriffen werden.
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A Cabeçada
Die Cabeçada ist der mit dem Kopf ausgeführte Angriff. Er kann auf verschiedene Körpergegenden gerichtet werden, meistens aber auf den Torax oder das Gesicht, oft von oben nach unten. Dieser gefährliche Angriff auf den Torax oder das Gesicht, geschieht sehr oft aus der schnellen Körperdrehung heraus, genau dann wenn der Gegner meint, sein Gegenspieler würde sich zurückziehen. Die Cabeçada ist sehr gefährlich, da sie gerade dann zur Anwendung kommt, wenn die Kämpfer sehr nahe zusammen spielen.
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O Rabo de Arraia
Dieser Angriff wird viel im jogo de baixo benutzt. Die Ablauf dieser Bewegung erfolgt mit dem Bein in schneller Drehbewegung, indem versucht wird, den Gegner mit der Seite des Fußes, im allgemeinen, am Kopf zu treffen. Der Angreifer versucht mit der rabo de arraiaden Gegner zu treffen, welcher sich verteidigt, indem er den Kopf gegebenenfalls bis auf den Boden senkt, um aus dieser Position den Gegner mit einer Cabeçada von unten nach oben zu treffen. Die rabo de arraia kann auf verschiedene Körpergegenden angewendet werden So stellt sich diese Bewegung, die auf den ersten Blick einfach erscheint, als eine sehr komplexe dar. Die Angriffe in der Capoeira Angola sind zwar von sehr kleiner Zahl, doch zeigt jeder Angriff zahlreiche Möglichkeiten, ihn je nach Angriffspunkt auf den Körper des Gegners zu variieren.
(Quelle: Capoeira Angola por Mestre Pastinha, Salvador/Bahia 1988)
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MUSIK

Die Lieder der CAPOEIRA-ANGOLA gliedern sich in drei Gruppen:

Ladainha, Saudacao und Corrido.

Wir haben sie nach dem Wortlaut Rosalvos aufgeschrieben. Die Texte verändern sich von Akademie zu Akademie, von Meister zu Meister, von Gruppe zu Gruppe, da sie durch bloßes Hören weitergegeben werden. Es werden beim Erlernen der Capoeira so gut wie nie schriftliche Aufzeichnungen benutzt. Dabei kann es passieren, dass sich die Lieder mit der Zeit verkürzen und sogar ganze Teile wegfallen.

Ladainha

Die Ladainha wird von einem Vorsänger (solo) gesungen, bevor die beiden Gegner beginnen zu spielen. Sie kann von den Erfahrungen des Sängers oder eines berühmten Capoeira-Spielers, -Meisters oder einer bekannten Figur handeln. Dabei sind Improvisationen möglich, die sich auch auf den Moment beziehen, in dem die Ladainha gesungen wird.

Nao sei como se vive

Nesse mundo enganador

Se fala pouco e manhoso

Se fala muito e falador

Se bate e desordeiro

Se apanha e mofino

Se come muito, e guloso

Se nao come e mesquinho

Trabalho tem marimbondo

Fazer casa no capim

E o vento leva ela

Marimbondo leva fim

Caveira quem te matou?

Foi a lingua, meu sinho

Um dia tava com sede

Pensava em ser ruim

Eu sempre Ihe dizendo

Inveja matou Caim,

Camarado

Ie, viva meu deus…

Saudacao

Auf die Ladainha folgt die Saudacao. Sie wird im Wechselspiel zwischen Vorsänger und Chor gesungen, d.h., der Chor wiederholt den Gesang des Vorsängers. Die Saudacao ist eine Begrüßung, die sich an die Meister, an Gott und an die Capoeira-Roda richtet. Danach folgt die Aufforderung zum Spiel.

 

Iê, quem me ensinou Iê,der sie mir beigebracht hatC.:Iê, quem me ensinou, camarado Iê,die CapoeiraC.:Iê, a capoeira, camarado Iê,die Capoeira, Kamerad

Iê, viva meu deus Iê, Es lebe Gott,
C.: iê, viva meu deus, camarado Iê, es lebe Gott, Kamerad
Iê, viva meu mestre Iê, es lebe mein Meister
C.: iê, viva meu mestre, camarado Iê, es lebe mein Meister, Kamerad
Iê, quem me ensinou Iê, der sie mir beigebracht hat
C.: Iê, quem me ensinou, camarado Iê, die Capoeira
C.: Iê, a capoeira, camarado Iê, die Capoeira, Kamerad
Iê, Aruandê[1] Iê, Aruande
Iê, Aruandi Iê, Aruandi
Iê, faca de ponta Iê, des Messers Spitze
Iê, sabe furar Iê, kann stechen
Iê, é mandingueiro [2] Iê, er ist Mandingueiro
Iê, campo de batalha Iê, das Schlachtfeld
Iê, a mandinga Iê, die Mandinga
Iê, galo cantou Iê, der Hahn hat gekräht
Iê, cocoroco Iê, cocoroco
Iê, kikiriki Iê, kikiriki
Iê, aquinderei[3] Iê, Hilfe
Iê, joga aqui Iê, spiele nach hier
Iê, joga pra lá Iê, spiele nach dort
Iê, vamos embora Iê, lass uns gehen
Iê, para o mundo afora Iê, in die Welt da draussen
Iê, volta do mundo Iê, die Drehung der Welt
Iê, que o mundo deu Iê, die die Welt gemacht hat
Iê, que o mundo dá Iê, die die Welt macht

 

Corrido

Auf die Saudacao folgt die Corrido. Damit ist das Spiel eröffnet. Der Vorsänger singt als erstes die Zeile, die der Chor während des ganzen Corrido als Antwort auf weitere variierende Zeilen des Vorsängers singt. Teile verschiedener Corridos können beliebig miteinander kombiniert werden. Der Inhalt der Corridos bezieht sich direkt auf das Spiel, indem er besänftigend kommentiert. Er kann auch indirekte, belustigende Bemerkungen über die Spieler und ihr Spiel beinhalten. Wie bei der Ladainha werden auch Texte aus dem Stegreif erfunden.

Eu sou Angoleiro

Eu sou angoleiro Ich bin Angoleiro
Angoleiro, é o que eu sou Angoleiro, bin ich einer!
Eu sou Angoleiro
Angoleiro de valor Ein wertvoller Angoleiro
Eu sou Angoleiro
Angoleiro sim senhor Angoleiro ja, mein Herr

Mestres

Der Titel eines “Meisters der Capoeira”, wird gemäß der Capoeira-Tradition, durch die Anerkennung der Gemeinschaft dem verliehen, der nicht nur das Capoeira-Spiel, den Gesang und die Instrumente und ihre verschiedenen Rhythmen beherrscht, sondern auch fähig ist, dieses Wissen weiterzuvermitteln.

Mittels seiner Körpersprache und seiner Worte leitet der Meister den Schüler sowohl durch die Roda und als auch durch das Leben.Alte Meister, wie Vicente Ferreira Pastinha, wurden durch ihre Weisheit berühmt, ohne jemals die Schule besucht oder Zugang zu den Fakultäten gehabt zu haben. Sein Erbe, das er hinterließ, nachdem er sein ganzes Leben dem Unterrichten der Capoeira Angola gewidmet hat, ist beachtlich.